STAY HUNGRY






Exkurs

1976 kommt der Film STAY HUNGRY in die Kinos. Zum ersten Mal wird der amerikanische Kinogänger mit einem unsynchronisierten Schwarzenegger konfrontiert. Der Film handelt von der Rettung eines Trainingsstudios für Bodybuilder, das durch rücksichtslose Immobilienspekulanten in seiner Existenz bedroht ist. Abhärtung, Enthaltsamkeit und Selbstdisziplin der hart trainierenden Athleten bilden das Gegenmodell zur Profitgier der verwöhnten Finanzjongleure.

Self-Help & Self-Improvement






Willenskraft, mentale Stärke und Selbstdisziplin scheinen in unserer Kultur nahezu religiös-mythische Verehrung zu erfahren. „Self-Improvement“ versteht sowohl die Psyche als auch die Physis eines Menschen als formbare Masse. Die Gestaltung der eigenen Persönlichkeit macht aus jedem einen Bildhauer oder Designer seiner Selbst. Während Bildung die Formung des Geistes anstrebt und sich davon einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft versprach, sind es mittlerweile sämtliche Aspekte der Person, die eines Re-Designs unterzogen werden sollen.

Der Gestaltungswille der Selbst-Optimierungsstrategien erinnert an den Künstlermythos, der davon erzählt, wie der Künstler gegen alle Gegebenheiten und Widrigkeiten seine kreativen Ziele mit an Selbstzerstörung grenzender Wahnhaftigkeit durchsetzt. Er - so die Legende vom Genie - agiert als der Getriebene, der nur durch harte und stetige Arbeit, durch zähen Willen und Disziplin schließlich zur Perfektion gelangt.

1859 erscheint das Buch „Self-Help“. Es ist der frühen Wegbereiter jener Self-Improvement-Ratgeber, die seit Jahren den Büchermarkt überschwemmen. Der Autor Samuel Smiles beschreibt hier, wie mit Obsession und Disziplin jede Hürde überwunden und so jedes Ziel erreicht werden kann. Dieses Buch, das im viktorianischen England sofort zum Bestseller wird, beinhalt ein ausführliches Kapitel über Kunst: „Workers in Art“. Der Künstler mag Talent haben, ja sogar ein Genie sein, trotzdem erreicht er seine Perfektion nur durch harte Arbeit. „Excellence in art, as in everything else, can be only achieved by dint of painstakking labour.“ Der Mythos des Künstlers, der aus einfachsten Verhältnissen kommend gegen alle Widerstände ankämpft und durch Selbstdisziplin, Obsession und harte Arbeit Großes schafft, wird hier anhand von unzähligen biographischen Anekdoten nacherzählt. „Some of the greatest artists have had to force their way upward in the face of poverty and mamifold obstructions.“ Der Künstler wird hier zur Leitfigur puritanischer Arbeitsmoral erhoben. Der Wille des Künstlers, der jede Hürde überwindet und alles seiner Arbeit unterordnet, erfährt in dem Buch von Samuel Smiles größere Verehrung als das eigentliche Werk.

Selbstveredelung & Selbstbefriedigung






Die Kleingärtenkolonien beleuchten den Aspekt der Selbstdisziplinierung innerhalb ihres historischen Kontexts: Ursprünglich als Möglichkeit zur Selbstversorgung geplant, gewannen die Gärten, die privat gestaltet werden konnten, erst mit der veränderten Bezeichnung von „Armengärten“ zu „Schrebergärten“ im städteplanerischen Kontext immer mehr an Bedeutung.

1865 feiert man in Leipzig die Einweihung des Schreberplatzes, benannt nach dem wenige Jahre zuvor verstorbenen Arzt und Pädagogen Daniel Gottlob Moritz Schreber. Dieser widmet sein Lebenswerk den praktischen Fragen der Erziehung mit so viel Eifer und dem fragwürdigen Erfolg, dass zwei seiner eigenen Kinder in Nervenheilanstalten endeten und das dritte sich selbst tötete.

Diese Gartenanlage in Leipzig, die bald Schrebergarten genannt wurde, sollte Kindern der Großstadt dazu dienen, sich durch Arbeit im Garten körperlich ertüchtigen zu können. Die Verknüpfung der sozialutopistischen Idee in Bezug auf die Selbstversorgung der verarmten Bevölkerung mit dem Streben nach körperlicher Ertüchtigung wurde zu einer erfolgreichen Bewegung, die sich in ganz Europa ausdehnte. Was Heil versprechendes Programm für eine gesunde, durch systematische Gymnastik gestärkte Jugend sein sollte, erweist sich aber bei näherer Betrachtung als grausames System zur Verhinderung der „vorzeitigen Mannbarkeitsentwicklung“. Mit orthopädischen Foltergeräten sollte die Jugend zur Enthaltsamkeit erzogen werden. Der heranwachsende Körper musste gestützt, verschnürt, gefesselt, gedemütigt werden, damit sich ein gerader Rücken und ein gerader Geist entwickeln konnte: „Ringe nach voller Herrschaft über dich selbst, über deine geistigen und leiblichen Schwächen und Mängel. Beginne mutig diesen Kampf und bleibe unermüdlich in dem Streben nach dieser wahren Freiheit, nach Selbstveredlung.“

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