Please scroll down for english version






STAY HUNGRY stellt die Frage nach der aktuellen Situation der Gegenwartskunst, indem diese abseits des konventionellen Ausstellungs- und Vermarktungskontextes gezeigt wird. Zeitgenössische Kunst wird an einem Ort präsentiert, der einst Symbol für soziale Utopie war, heute aber für kleinbürgerlichen Eskapismus steht. Im Gegensatz zur gängigen Präsentation im öffentlichen Raum dienen die Kunstwerke hier nicht dazu, funktionaler Architektur oder durchökonomisierten Stadträumen Leben einzuhauchen, sondern sie treten in einen Dialog mit einer Welt, die von ihren Bewohnern individuell gestaltet wurde.

Das Gebastelte, aus verschiedenen Teilen assemblierte und Improvisierte prägt das Erscheinungsbild der Kleingärten am Gleisdreieck und bildet somit einen radikalen Gegenpol zu einer Stadtentwicklung, die sich bis ins letzte Detail planbar definiert. Aus ihrer Isolation und Selbstreferentialität befreit, soll die Kunst sich hier in „kunstfernen“ Lebenswelten behaupten. In Zeiten, in denen die Kunst Gefahr läuft, zu dekorativen Versatzstücken privater Sammler-Mausoleen zu werden und Museen versuchen den Charakter von Eventflächen ungelenkig nachzustellen, können da Begriffe wie „Enthaltsamkeit“, „Askese“ oder „Disziplin“ mit neuer Aktualität aufgeladen werden oder beschleunigen sie lediglich die Verabschiedung der Kunst aus dem Alltag? Ist der Kunstbetrieb selbst schon zu einer Art eskapistischer Schrebergartenbewegung geworden?

Der Ort

Die Stadt Berlin hat viele ungewöhnliche Orte zu bieten - die brachliegende Fläche am Gleisdreieck ist einer davon. Sie befindet sich mitten in Berlin, umgeben von den Bahnlinien der U1, U2 und der Fernzugtrasse der Deutschen Bahn, mit Blick auf die Skyline des Potsdamer Platzes. Das Berlin-typische: Vergangenheit neben Zukunft, Großstadt neben Natur, neu neben alt, Geplantes neben Wucherndem, Brache neben Industrie – all dies lässt sich an diesem Ort finden. Am Gleisdreieck bieten sich der Ausblick auf die Großstadt und ein Einblick in die Kleingärten.

Die Schrebergärten sind ein Ort jenseits aller städteplanerischer Ambition. Ursprünglich gegründet um in harten Zeiten eine Selbstversorgung für die Bevölkerung zu gewährleisten, wurden sie über den Status eines heterotopischen Raumes nach und nach zum Sinnbild spießiger Kleinbürgerlichkeit. Sie stehen der „corporate architecture“ des Potsdamer Platzes räumlich und ideologisch gegenüber. Im Gegensatz zu den konstruierten gläsernen Fassaden im Westen verkörpern Sie ein Bild des frei Improvisierten und des individuell Gestalteten.

Mit einer interkulturellen Prägung der Bewohnerstruktur kehrt die Kleingartenkolonie am Gleisdreieck zu ihren sozialen Ursprüngen zurück. Die Kleingartenanlage besteht aus rund 60 einzelnen Parzellen. Die Lauben und Gärten zeugen in ihrer individuellen Gestaltung von der politischen, sozialen und ästhetischen Gesinnung ihrer jeweiligen Besitzer und reichen von der typischen Gartenzwerg-Szenerie bis hin zur dschungelartigen Wildnis. Für STAY HUNGRY stehen die Parzellen, die Lauben sowie das Vereinsheim und der es umgebende Platz als Orte künstlerischer Interventionen zur Verfügung.






English Version

STAY HUNGRY questions the status quo of contemporary art by way of exhibitions outside the traditional gallery space and marketing context. Contemporary art is presented in a place that was once a symbol for social utopia, but now stands for bourgeois escapism. In contrast to previous exhibitions in the public arena, the artworks presented in STAY HUNGRY are not meant to breathe life into functioning architecture or overly commercialized urban spaces; rather, they enter into a dialogue with a world that has been individually designed by its inhabitants.

Hand-crafted, patchwork assemblages and improvisation shape the appearance of the Gleisdreieck garden allotments, forming a radical counterpoint to official urban development, which is defined down to the last detail. Liberated from its isolation and self-referentiality, the works in STAY HUNGRY can assert themselves at a distance from the Art World. In these times, wherein art has been in danger of becoming decorative pawns in private collectors’ mausoleums and museums awkwardly attempt to recreate the character of exhibition/event spaces, can concepts like “austerity,” "asceticism" or "discipline" be charged with new relevance? Or do they merely accelerate the separation of art from everyday life? Has the art market itself already become a kind of escapist garden allotment movement?

The seldom-used area at Gleisdreieck is one example of the countless, extraordinary spaces that the city of Berlin has to offer. Located in the center of Berlin, surrounded by the subway tracks of the U1 and U2, as well as the Deutsche Bahn’s regional trains, with a view of the Potsdamer Platz skyline, this is typical Berlin. The past and the future, a metropolis beside nature, new alongside old, the engineered beside the wildly unkempt, fallow ground next to industry, all converging on this spot. Gleisdreieck offers views of both the big city at large and into these intimate garden plots.

The gardens are places removed from the ambition of urban planning. Originally founded to ensure self-sufficiency during hard times, these plots eventually gained a heterotopia status, becoming a symbol of bourgeois pettiness. Unlike the constructed glass facades of the West, these garden plots embody a picture of the improvised and the individual.

With the multi-cultural character of its inhabitants, the Gleisdreieck garden colony returns to its social origins. The garden community is comprised of around 60 individual plots. In their unique designs, each garden testifies to the political, social and aesthetic disposition of its current owner, ranging from the typical garden gnome scenery to jungle-like wilderness. For STAY HUNGRY, the plots, garden huts, community center and the surrounding spaces are made available as an arena of artistic invention. 

«–

loaded...